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Pfarrkirche
St. Kastulus
(Auf dem Plan 3, 85368 Moosburg)

Foto: Christian Willner
Die Kirche des ehemaligen Kollegiatstifts St. Kastulus in
Moosburg - auf halbem Weg zwischen der Bischofsstadt Freising
und der niederbayerischen Hauptstadt Landshut – ist
ein Baudenkmal mit reicher Geschichte. Mit dem Hochaltar des
Landshuter Bildschnitzers Hans Leinberger birgt sie eines
der hervorragendsten Werke bayerischer Kunst am Übergang
von der Spätgotik zur Renaissance.
Das
Patrozinium:
Kastulus lebte im 3. Jahrhundert in Rom. Er entstammte –
worauf der typische Name (abgeleitet von „castus“
– keusch) schließen lässt - vermutlich der
Schicht der Freigelassenen, nahm aber eine gehobene Position
am kaiserlichen Hof ein (als Hoflieferant, Speisemeister oder
Aufseher der kaiserlichen Gemächer). Trotz der Verfolgungen
unter Kaiser Diokletian (284-305) war Kastulus Christ. Er
bot er seinen Glaubensbrüdern an, ihre gottesdienstlichen
Zusammenkünfte in seinem Haus unmittelbar im Bereich
des kaiserlichen Palastes abzuhalten, weil dort die Gefahr
geringer sei, entdeckt zu werden. Darüber hinaus soll
er, ungeachtet der damit verbundenen Gefahren, auch selbst
missionarisch tätig gewesen und mit seinem Freund Tiburtius
durch die Straßen der Stadt gelaufen sein und durch
die Kraft seiner Worte viele zum Christentum bekehrt haben.
Von einem Mann namens Torquatus verraten, wurde Kastulus schließlich
gefangen genommen und vor den Präfekten geführt.
Da er sich als treuer Christ weigerte, vor dem Bild des Kaisers
zu opfern, wurde er zunächst gefoltert, dann vor den
Toren der Stadt in einer Sandgrube lebendig begraben. Das
überlieferte Todesjahr 286 ist historisch zweifelhaft.
Schon in der Spätantike begann in Rom die Verehrung als
Heiliger in der nach ihm benannten Katakombe an der Via Labicana.
Im 8. Jahrhundert ist die Verehrung seiner Reliquien im oberitalienischen
Pavia bezeugt. Von dort sind sie vermutlich auf Veranlassung
des Abtes Reginbert durch die Mönche Albin und Rhenobot
in das noch junge Kloster Moosburg überführt worden,
wo sie um 807/808 bezeugt sind. In Folge der Verlegung des
Kollegiatstiftes St. Kastulus von Moosburg nach Landshut kam
der größte Teil der Reliquien im Jahr 1604 in die
dortige St. Martinskirche, wo sie sich bis heute befinden.
Der hl. Kastulus wird in Erinnerung an seinen Martertod mit
der Martyrerpalme sowie mit einem Spaten als Attribut dargestellt.
Angerufen wurde er im späten Mittelalter in allen Nöten
und Drangsalen (Krankheiten, Seuchen, Blitzgefahr, Wassernot,
Feuerbrunst usw.), im 19. Jahrhundert auch bei Pferdediebstahl.Auf
Letzteres bezieht sich in ironischer Weise auch das bekannte
Volkslied „O heiliger Sankt Kastulus …“.
Der Gedenktag des Heiligen ist der 26. März. |
Die
Kirche:
Im heutigen Kirchengebäude lassen sich zwei wesentliche
Bauphasen unterscheiden.
Das dreischiffige Langhaus in der Form einer römischen
Basilika entstand wohl im späten 12. Jahrhundert, da für
das Jahr 1171 die Anwesenheit von Bauarbeitern bezeugt ist.
1207 wurde die Kirche durch Brand beschädigt, am 20. Oktober
1212 jedoch wieder „zu der Ehr der Dreifaltigkeit, Mariae
der Himmelkönigin und sanct Castls“ geweiht; aus
dieser Zeit stammen auch das romanische Hauptportal und der
stattliche Turm mit seiner reichen architektonischen Gliederung
(der zusammen mit dem Turm der benachbarten alten Pfarrkirche
St. Johann die Stadtsilhouette prägt). Das Mittelschiff
wurde nie eingewölbt, sondern besitzt eine (mehrfach erneuerte)
Flachdecke.
1468 legte Herzog Ludwig der Reiche von Bayern-Landshut den
Grundstein zu einem neuen Chor in spätgotischem Stil, der
in seiner Höhe weit über das alte Langhaus hinausragt
und im Inneren durch seine Lichtfülle im Kontrast zum dunklen
Langhaus steht. An die Grundsteinlegung erinnert eine Inschrift
an der Chorscheitelblende hinter dem Hochaltar.
Nördlich schloss einst an das Münster ein Kreuzgang
an, der zusammen mit mehreren Kapellen und barocken Anbauten
sowie der West-Vorhalle 1802-1805 abgebrochen wurde. |
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Ausstattung:
Wichtigstes Kunstwerk der romanischen Epoche ist das Hauptportal
aus dem frühen 13. Jahrhundert an der Westseite der Kirche.
In den Rücksprüngen des so genannten Stufenportals
stehen ornamentierte Säulen. Das Tympanon über dem
Durchgang zeigt in der Mitte den thronenden Christus, flankiert
von den Kirchenpatronen Maria und Kastulus; links kniet (als
angeblicher Begründer des Stifts) Kaiser Heinrich II. mit
einer Kerze in der Hand, von rechts präsentiert der Freisinger
Bischof Albert I. 1158-1184 symbolisch die in seiner Amtszeit
errichtete Kirche von Moosburg. |
Die
geometrischen Muster in den Himmelsbögen und die Falten
zwischen den Köpfen sind irisch – schottische Elemente.
Alle dargestellten Assistenzfiguren sind durch Überschriften
in Latein und Griechisch identifiziert. Christus, als Pantokrator,
ist die Ausnahme, weil er als JAHWE im Alten Testament namenlos
ist. Die zweizeilige lateinische Inschrift darunter lautet übersetzt:
„Dieses so großartige Gotteshaus bringt dir, Kastulus,
der glückliche Bischof dar, dem du ein mächtiger Schutz
sein mögest. Ihm sei auch der König gnädig, der
dir wieder den Glanz verlieh, welcher dir so lange Zeit hindurch
entzogen war.“ Dies bezieht sich auf die wahrscheinliche
Zerstörung in der Ungarnzeit 955 und die Neugründung
eines Chorherrnstifts als kultureller Lichtträger.
Im Inneren dominieren – nach weitgehender Beseitigung
barocker und neugotischer Ausstattungsstücke – eindeutig
die Werke des Landshuter Bildhauers Hans Leinberger (um 1475/80
- nach 1530), des größten bayerischen Plastikers
an Wende von der Spätgotik zur Renaissance. |
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An
erster Stelle steht der wie eine Monstranz aufragende Hochaltar,
ausgeführt 1511-1514 als Stiftung des Propstes Theoderich
Mair (1486-1507; Sohn des Kanzlers der reichen Herzöge
von Niederbayern-Landshut; Epitaph rechts an der Chorwand).
Im Schrein stehen die lebensgroßen Figuren der „Gottes-Gebererin“
(so die Inschrift auf der Kopfbedeckung). Diese Darstellung
der Muttergottes gilt als Besonderheit, weil sie im oberen Teil
der byzantinischen Lukasikone Hodegetria (Wegweiserin) als Skulptur
nachempfunden ist, aber im unteren teil dem typischen „Bewegungsstil“
von Hans Leinberger entspricht. Weiter finden sich Figuren des
hl. Kaisers Heinrich II. und des hl. Kastulus; seitlich links
Johannes der Täufer und rechts Johannes Evangelist (dessen
Attribute allerdings erst aus dem 18. Jahrhundert stammen und
in dem ursprünglich wohl entweder der römische Märtyrer
Johannes oder der hl. Vitus dargestellt war); darüber die
Freisinger Patrone Bischof Korbinian und König Sigismund
sowie als Bekrönung der Gekreuzigte mit Maria und Johannes.
Auf den beiden Türflügeln, die in der Predella die
Nische mit dem (Rest-)Reliquienschrein des Kirchenpatrons verschließen,
hat der Maler Hans Wertinger links Herzog Wolfgang (Bruder Herzog
Albrechts IV.) mit seinen Neffen Wilhelm (IV.), Ludwig (X.)
und Ernst (links) und rechts Propst Mair mit seinen Kanonikern
(in ihrer damaligen Tracht mit Pelzumhang) dargestellt. |
Ob
die heute an den Seitenwänden des Chors aufgehängten
Relieftafeln mit Szenen der Kastulus-Legende (Gefangennahme,
Verhör, Marter, Begräbnis) ursprünglich die
Flügel des Hochaltars bildeten, ist nachgewiesen, aber
auch umstritten. Umstritten ist auch, ob sie je farbig gefasst
waren; jedenfalls ist an ihnen Leinbergers detailreiche Schnitzarbeit
besonders gut zu sehen. 1782 zur barocken Restaurierung durch
Christian Jorhan wurde der Altar erstmals gefasst. Die Flügelreliefs
wurden 1937/39 auf die originäre Form (ohne Fassung)
zurückgeführt.
Ein weiteres bedeutendes Werk Leinbergers ist - gegenüber
der neugotischen Kanzel – das monumentale Kruzifix (um
1510), das ursprünglich in der Mitte des Lettners (Westabschluss
des Chorgestühls) und im 19. Jahrhundert auf dem früheren
Kreuzaltar am Pfeiler in der Nordreihe westlich des Chorgestühls
stand.
Bemerkenswert ist schließlich auch das 1475 aufgestellte
Chorgestühl mit reichen gotischen Zierrat, mit stilisierten
pflanzlichen Motiven (Akanthus, Eiche, Weinrebe) in den Rückenfeldern
der Stallen sowie Monstern und Doppelwesen auf dem Pult der
Kniebänke.
Aktueller
Hinweis:
Jedes Jahr wird am ersten Julisonntag
mit einer Prozession (mit
dem Kastulus-Reliquiar) durch die Stadt und einem Pfarrfest.das Kastulusfest begangen.
Nähere
Informationen:
Lothar Altmann, Moosburg St.-Kastulus-Münster (Kleine
Kunstführer 1075), 3. Auflage, München-Zürich
1990
Waltraud Kalusch, Das Kastulus-Münster in Moosburg und
seine Geschichte. Ein Kirchenführer für Kinder,
München 1991
Paul M. Arnold, Hans Leinbergers Moosburger Hochaltar. Höhepunkt
bayerischer Altarbaukunst (Hans-Leinberger-Hefte 1), 1990
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