Geschichte

Innenansicht

Die Existenz eines Klosters in Moosburg (so benannt wohl nach einer Befestigung auf dem Höhenrücken zwischen den Niederungen von Isar und Amper kurz vor deren Zusammenfluss) ist durch mehrere urkundliche Erwähnungen seines ersten Abtes Reginbert im späten achten und beginnenden neunten Jahrhundert bezeugt. Über den genauen Zeitpunkt der Klostergründung (wohl um 764/770) und die (sicher adeligen) Stifter ist nichts bekannt. Im Jahr 829 ist letztmals die Existenz eines Abtes (Sigimot) in Moosburg belegt. Als 895 Kaiser Arnulf Moosburg als so genanntes Eigenkloster an den Bischof von Freising übergab, lebten dort nach neueren Forschungen anstatt von Mönchen bereits weltgeistliche Chorherren. Traditionell wurde die Umwandlung vom Kloster zum Stift erst mit dem Freisinger Bischof Egilbert (1005-1039) und Kaiser Heinrich II. (1002-1024) in Verbindung gebracht und in das Jahr 1021 datiert.
Die erste, vornehmlich repräsentative Würdenstelle des Stifts war die des Propstes; sie hatte gewöhnlich ein Mitglied des Freisinger Domkapitels inne. Die Stiftsgeschäfte leitete der Dekan. Der Scholaster führte die Aufsicht über die Stiftsschule, die seit dem 12. Jahrhundert in hoher Blüte stand. Zu den Aufgaben der Stiftskanoniker gehörte die seelsorgliche Betreuung einer Reihe von inkorporierten Pfarreien (u.a. Moosburg, Eching, Volkmannsdorf, Priel, Inkofen, Geisenhausen) sowie die Versorgung weltlicher Ämter wie Armenpflege, Schulen, Schreibstube u.a. (aus letzterer stammen Handschriften, die heute in der Münchner Staats- und Universitätsbibliothek verwahrt sind.)
Ende des 16. Jahrhunderts verfolgte der bayerische Herzog Wilhelm V. das Vorhaben, das Moosburger Stift nach Landshut zu verlegen. Unterstützt wurde er dabei von Dr. Balthasar König, dem damaligen Pfarrer bei St. Martin in Landshut und Propst des Kollegiatstifts in Isen. Dadurch sollte – nach dem Verlust der herzoglichen Hofhaltung – das Ansehen der niederbayerischen Hauptstadt wieder gehoben, der Gottesdienst an der Hauptkirche St. Martin verbessert und überhaupt das kirchliche Leben im Sinn der Katholischen Erneuerung belebt werden. Trotz des verständlichen Protests der Moosburger Kanoniker erreichte der Herzog sein Ziel: 1595 erfolgte die päpstliche Genehmigung, 1596-1599 wurde die Verlegung durchgeführt. Der letzte Moosburger Propst Sebastian Franz (1581-1598) erhielt als Entschädigung Balthasar Königs bisherige Propstei Isen und ein Aufgeld. 1604 wurde auch noch der Großteil der Kastulus-Reliquien nach Landshut überführt, wo sie sich bis heute befinden.
Das neue Landshuter Kollegiatstift trug den Namen St. Martin und Kastulus; ihm war Moosburg nun als Pfarrei inkorporiert. Das Stift wurde in der Säkularisation 1803 aufgehoben, 1937 jedoch wieder errichtet und besteht bis heute.

Kirche

Im heutigen Kirchengebäude lassen sich zwei wesentliche Bauphasen unterscheiden.
Das dreischiffige Langhaus in der Form einer römischen Basilika entstand wohl im späten 12. Jahrhundert, da für das Jahr 1171 die Anwesenheit von Bauarbeitern bezeugt ist. 1207 wurde die Kirche durch Brand beschädigt, am 20. Oktober 1212 jedoch wieder „zu der Ehr der Dreifaltigkeit, Mariae der Himmelkönigin und sanct Castls“ geweiht; aus dieser Zeit stammen auch das romanische Hauptportal und der stattliche Turm mit seiner reichen architektonischen Gliederung (der zusammen mit dem Turm der benachbarten alten Pfarrkirche St. Johann die Stadtsilhouette prägt). Das Mittelschiff wurde nie eingewölbt, sondern besitzt eine (mehrfach erneuerte) Flachdecke.
1468 legte Herzog Ludwig der Reiche von Bayern-Landshut den Grundstein zu einem neuen Chor in spätgotischem Stil, der in seiner Höhe weit über das alte Langhaus hinausragt und im Inneren durch seine Lichtfülle im Kontrast zum dunklen Langhaus steht. An die Grundsteinlegung erinnert eine Inschrift an der Chorscheitelblende hinter dem Hochaltar.
Nördlich schloss einst an das Münster ein Kreuzgang an, der zusammen mit mehreren Kapellen und barocken Anbauten sowie der West-Vorhalle 1802-1805 abgebrochen wurde.

Ausstattung

Portal

Wichtigstes Kunstwerk der romanischen Epoche ist das Hauptportal aus dem frühen 13. Jahrhundert an der Westseite der Kirche. In den Rücksprüngen des so genannten Stufenportals stehen ornamentierte Säulen. Das Tympanon über dem Durchgang zeigt in der Mitte den thronenden Christus, flankiert von den Kirchenpatronen Maria und Kastulus; links kniet (als angeblicher Begründer des Stifts) Kaiser Heinrich II. mit einer Kerze in der Hand, von rechts präsentiert der Freisinger Bischof Albert I. 1158-1184 symbolisch die in seiner Amtszeit errichtete Kirche von Moosburg.

Die geometrischen Muster in den Himmelsbögen und die Falten zwischen den Köpfen sind irisch – schottische Elemente. Alle dargestellten Assistenzfiguren sind durch Überschriften in Latein und Griechisch identifiziert. Christus, als Pantokrator, ist die Ausnahme, weil er als JAHWE im Alten Testament namenlos ist. Die zweizeilige lateinische Inschrift darunter lautet übersetzt: „Dieses so großartige Gotteshaus bringt dir, Kastulus, der glückliche Bischof dar, dem du ein mächtiger Schutz sein mögest. Ihm sei auch der König gnädig, der dir wieder den Glanz verlieh, welcher dir so lange Zeit hindurch entzogen war.“ Dies bezieht sich auf die wahrscheinliche Zerstörung in der Ungarnzeit 955 und die Neugründung eines Chorherrnstifts als kultureller Lichtträger.
Im Inneren dominieren – nach weitgehender Beseitigung barocker und neugotischer Ausstattungsstücke – eindeutig die Werke des Landshuter Bildhauers Hans Leinberger (um 1475/80 - nach 1530), des größten bayerischen Plastikers an Wende von der Spätgotik zur Renaissance.
An erster Stelle steht der wie eine Monstranz aufragende Hochaltar, ausgeführt 1511-1514 als Stiftung des Propstes Theoderich Mair (1486-1507; Sohn des Kanzlers der reichen Herzöge von Niederbayern-Landshut; Epitaph rechts an der Chorwand). Im Schrein stehen die lebensgroßen Figuren der „Gottes-Gebererin“ (so die Inschrift auf der Kopfbedeckung). Diese Darstellung der Muttergottes gilt als Besonderheit, weil sie im oberen Teil der byzantinischen Lukasikone Hodegetria (Wegweiserin) als Skulptur nachempfunden ist, aber im unteren teil dem typischen „Bewegungsstil“ von Hans Leinberger entspricht. Weiter finden sich Figuren des hl. Kaisers Heinrich II. und des hl. Kastulus; seitlich links Johannes der Täufer und rechts Johannes Evangelist (dessen Attribute allerdings erst aus dem 18. Jahrhundert stammen und in dem ursprünglich wohl entweder der römische Märtyrer Johannes oder der hl. Vitus dargestellt war); darüber die Freisinger Patrone Bischof Korbinian und König Sigismund sowie als Bekrönung der Gekreuzigte mit Maria und Johannes. Auf den beiden Türflügeln, die in der Predella die Nische mit dem (Rest-)Reliquienschrein des Kirchenpatrons verschließen, hat der Maler Hans Wertinger links Herzog Wolfgang (Bruder Herzog Albrechts IV.) mit seinen Neffen Wilhelm (IV.), Ludwig (X.) und Ernst (links) und rechts Propst Mair mit seinen Kanonikern (in ihrer damaligen Tracht mit Pelzumhang) dargestellt.     

Ob die heute an den Seitenwänden des Chors aufgehängten Relieftafeln mit Szenen der Kastulus-Legende (Gefangennahme, Verhör, Marter, Begräbnis) ursprünglich die Flügel des Hochaltars bildeten, ist nachgewiesen, aber auch umstritten. Umstritten ist auch, ob sie je farbig gefasst waren; jedenfalls ist an ihnen Leinbergers detailreiche Schnitzarbeit besonders gut zu sehen. 1782 zur barocken Restaurierung durch Christian Jorhan wurde der Altar erstmals gefasst. Die Flügelreliefs wurden 1937/39 auf die originäre Form (ohne Fassung) zurückgeführt.
Ein weiteres bedeutendes Werk Leinbergers ist - gegenüber der neugotischen Kanzel – das monumentale Kruzifix (um 1510), das ursprünglich in der Mitte des Lettners (Westabschluss des Chorgestühls) und im 19. Jahrhundert auf dem früheren Kreuzaltar am Pfeiler in der Nordreihe westlich des Chorgestühls stand.
Bemerkenswert ist schließlich auch das 1475 aufgestellte Chorgestühl mit reichen gotischen Zierrat, mit stilisierten pflanzlichen Motiven (Akanthus, Eiche, Weinrebe) in den Rückenfeldern der Stallen sowie Monstern und Doppelwesen auf dem Pult der Kniebänke.

Nähere Informationen:
Lothar Altmann, Moosburg St.-Kastulus-Münster (Kleine Kunstführer 1075), 3. Auflage, München-Zürich 1990
Waltraud Kalusch, Das Kastulus-Münster in Moosburg und seine Geschichte. Ein Kirchenführer für Kinder, München 1991
Paul M. Arnold, Hans Leinbergers Moosburger Hochaltar. Höhepunkt bayerischer Altarbaukunst (Hans-Leinberger-Hefte 1), 1990